FLÜCHTLINGE Irfan Ortac, Sprecher der Jesiden in Deutschland, berichtet von Not und Elend im Norden Iraks

GIESSEN/WIESBADEN - Mehr als eine Million Menschen haben bislang schon in Dahuk gelebt, der nördlichsten Provinz der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Seit wenigen Monaten hat sich die Einwohnerzahl des Landstrichs verdoppelt. Jesiden und Christen haben sich dorthin in Sicherheit gebracht. Sie sind geflohen vor dem „Islamischen Staat“. Jetzt gibt es halbwegs organisierte Zeltstädte für 20 000 Menschen, in denen tatsächlich 100 000 leben. Pro Zelt fünf bis sieben Flüchtlinge. Für acht Zelte ein Plumps-Klo.

Behörden überfordert

az zd politik Jesiden Flüchtlingslager

az zd politik Jesiden Flüchtlingslager

Und es gibt die wilden Camps entlang der Straßen. Aber weil die Behörden mit dieser Lage völlig überfordert sind, gibt es vor allem eins: Mangel. Mangel an sauberem Wasser und an Medikamenten. Mangel an Decken, was jetzt, kurz vor dem Winter, in dem die Temperaturen auf minus 15 Grad fallen könnten, zum Problem wird.

Irfan Ortac hat sich das alles angesehen. Er ist Sprecher der jesidischen Gemeinde in Deutschland und sitzt für die SPD im Kreistag von Gießen. Er war in den Irak gereist zusammen mit Gerhard Noeske, dem sozialpolitischen Sprecher der Kreistags-CDU. Jetzt sind die beiden wieder zurück. Und Ortac muss von Not und Elend berichten. Vor allem von den traumatisierten Frauen, deren Angehörige entführt oder ermordet wurden. Oder die selbst Opfer der Terrormilizen waren. „Sie wurden vergewaltigt und mit Dschihadisten zwangsverheiratet“, sagt Ortac. Mädchen seien in Rakka, jener syrischen Stadt, die der Islamische Saat zu seiner Hauptstadt ausgerufen hat, zum Kauf angeboten worden. „Sklavenhandel pur“, nennt das Ortac. Scheichs aus Katar oder Saudi-Arabien, aber auch Jordanier seien die Interessenten.

In Kocho, einer jesidischen Kleinstadt, hatte der Islamische Staat im August ein Massaker verübt, Hunderte Männer und Frauen hingerichtet. Andere kamen in Gefangenschaft. Jetzt hat Ortac gehört, dass die Milizen in Kocho wieder 700 Jesiden ansiedelten. „Ausgerechnet in diesem Dorf“, sagt er. „Dort herrscht die pure Angst.“

Traumatisierte Frauen

Von den Frauen, die sich aus den Fängen der Terroristen nach Dahuk flüchten konnten, seien 70 so stark traumatisiert, „dass sie verrückt geworden sind“. Baden-Württemberg will 1 000 jesidische Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren, aufnehmen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat das in der vergangenen Woche nach einem baden-württembergischen Flüchtlingsgipfel angekündigt. Und auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der wie Ortac aus Gießen kommt, hat Hilfe in Aussicht gestellt.

Dem Sprecher der Jesiden in Deutschland schwebt ambulante Hilfe vor: die Ausbildung von Therapeuten vor Ort in Dahuk. Nicht nur Frauen benötigten Therapie, sagt er. Auch die 83 Kinder, die durch den Krieg zu Vollwaisen geworden sind und jetzt in den Flüchtlingslagern von Dahuk leben. Oder die 1 600 anderen Kinder, die Mutter oder Vater verloren haben.

Die humanitäre Hilfe, die Deutschland leistet, ist im Norden Iraks sichtbar. Nur: Sie komme fast ausschließlich Christen zugute, die vor der Terrormiliz aus Mossul geflohen waren, meint Ortac.

Und deutsche Waffen würden zwar an kurdische Peschmerga geliefert. Nicht aber an die rund 3 200 jesidischen Kämpfer, die mit Gewehren aus dem 1. Weltkrieg die wenigen noch freien jesidischen Dörfer gegen die Milizen des „Islamischen Staates“ verteidigen. Die haben am Montag mit schweren Waffen angegriffen. „Die Lage der Verteidiger ist aussichtslos“, sagt Ortac. „Sie haben keine Munition mehr“. Jetzt müsse die Anti-Terror-Allianz der Amerikaner Luftangriffe fliegen.

Soll die Bundeswehr eingesetzt werden, um den bedrängten Jesiden zu helfen? „Ich weiß nicht, ob das klug ist“, sagt Ortac. Aber deutsche Waffen: Das hielte er für angebracht. Zurück in Gießen wird sich der SPD-Politiker wieder um die Flüchtlinge vor Ort kümmern. Noch vor seiner Kurdistan-Reise hat er sich aufgeregt über Verhältnisse in einzelnen Flüchtlingsheimen. Heute weiß er: Zwischen den Zuständen hier und denen in Dahuk „liegen Welten“.

Link: http://www.usinger-anzeiger.de/politik/hessen/in-den-wilden-lagern-kurdistans_14709906.htm