Lollar (jwr). In Lollar werden traumatisierte jesidische Flüchtlinge nicht allein gelassen.
Das Projekt, das jetzt begonnen hat, ist bisland einzigartig.

Hilfe für jesidische Flüchtlinge Jesiden Irfan Ortac, Dr. Sefik Tagay und Dr. Gerhard Noeske (v.l.) vor einem Teil der Hilfsgüter, die verschickt werden. (Foto: jwr)

Hilfe für jesidische Flüchtlinge Jesiden
Irfan Ortac, Dr. Sefik Tagay und Dr. Gerhard Noeske (v.l.) vor einem Teil der Hilfsgüter, die verschickt werden. (Foto: jwr)

Die Sonne strahlt durch die breite Fensterfront in den Gemeinderaum, es ist ein heller winterlicher Mittag. Im Ort tragen heute manche einen Blumenstrauß mit sich herum. Doch die Gesichter derer, die hinter den Fenstern sitzen, scheinen betrübt, der Valentinstag ist weit weg. Die gut 20 Frauen und Männer im weiten Stuhlkreis sind aus ganz Hessen hierher gekommen, sie sind verbunden durch ihre jesidischen Wurzeln – und durch das unsagbare Leid, das ihnen oder ihren Angehörigen widerfahren ist. Die meisten sind Flüchtlinge aus Irak und erst seit wenigen Wochen in Deutschland. Islamisten des »Islamischen Staats« haben sie aus ihrer Heimat vertrieben, Angehörige ermordet, vergewaltigt, haben Spuren des Grauens hinterlassen – auch in den Köpfen der Opfer.

So traurig der Grund des Treffens im Lollarer Gewerbegebiet auch ist – dieser Tag soll den Menschen Hilfe bringen, um die Gräuel zu verarbeiten. In dem mehrstündigen Seminar »Psychoedukation und Traumabearbeitung der Eziden in Hessen« kamen aus Nordirak geflüchtete jesidische Christen, aber auch Gemeindemitglieder, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, zusammen, um über ihre Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Das Seminar leitete Dr. Sefik Tagay, Forschungsleiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen, ein Spezialist für seelische Verletzungen. Gastgeber war die jesidische Gemeinde in Lollar, Veranstalter die Christlich-Ezidische Gesellschaft für Zusamenarbeit in Forschung und Wissenschaft. Das Projekt, das Tagay und Irfan Ortac, der Vorsitzende der Christlich-Jesidischen Gemeinde in Deutschland, gemeinsam ersonnen haben, ist in dieser Form einmalig. »Für uns ist es auch etwas Neues«, sagt Ortac vor dem Seminar, »ich bin gespannt, aber es wird sicher sehr emotional werden«.

Während die Ersten in der Runde beginnen, auf Kurdisch zu erzählen, macht sich Gerhard Noeske nebenan an großen braunen Paketen zu schaffen. Aufgeklebte Papiere verraten den Inhalt: Paracetamol und Medikamente für Diabetiker. Noeske versucht, ein Paket zu wiegen, doch die Waage hat offenbar ihre besten Tage hinter sich, funktioniert nicht recht. Der hoch gewachsene Mediziner lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

Noeske sitzt für die CDU im Kreistag und ist dort mit seinem SPD-Kollegen Ortac nicht immer einer Meinung. Wenn es aber um Hilfe für jene geht, die zu Opfern des »Islamischen Staats« geworden sind, arbeiten beide Hand in Hand: Zweimal waren sie im vergangenen Jahr in Nordirak, haben mit einer Delegation Flüchtlingscamps besucht. Am Freitag werden sie erneut die weite Reise auf sich nehmen, diesmal auch begleitet vom Chefarzt der Gießener Frauenklinik, Prof. Hans-Rudolf Tinneberg. Viele Frauen seien durch Vergewaltigungen derart schwer verletzt worden, dass komplizierte Operationen nötig seien, die Hilfe des Spezialisten sei dringend gefragt, sagt Noeske. Die Autonome Region Kurdistan (Nordirak) habe an sich ein funktionierendes Gesundheitssystem, erklärt er, doch nun lebten dort neben mehr als fünf Millionen Einwohner noch Hunderttausende Flüchtlinge – eine Situation, mit der wohl jede Region auf der Welt alleine überfordert wäre.

In einer Abstellkammer inspiziert Noeske weitere Pakete, sie enthalten unter anderem Handschuhe und Desinfektionslösung. Gespendet wurden die Hilfsgüter von Stada und Braun Melsungen, auch Ministerpräsident Bouffier hat Wort gehalten und laut Noeske vorerst 10 000 Euro für 2014 zur Verfügung gestellt. Nun geht es noch um Papiere, Zollfreiheit und einen Frachttermin für die Lieferung aus Lollar.

»Das hat keinen kalt gelassen«

Im Stuhlkreis im großen Gemeinderaum ist inzwischen der nächste Teilnehmer an der Reihe, seine Erfahrungen, Ängste, Sorgen mitzuteilen. Hier tippt keiner nebenbei auf seinem Handy herum, statt dessen ist den Gesichtern der Seminarteilnehmer anzusehen, dass sie aufmerksam sind, am Leid der anderen teilhaben. Mancher schaut zu Boden. Seminarleiter Tagay notiert akribisch, was die anderen erzählen.

Das Treffen habe niemanden kalt gelassen, berichtet Mitorganisator Ortac später. Es habe ihn erstaunt, dass die Flüchtlinge »sehr nüchtern« von Gräueltaten berichtet hätten – von Vergewaltigungen, von muslimischen Nachbarn, die zu Mördern geworden seien, von Ohnmacht und Flucht, von den Sorgen um Angehörige, die noch in der Gewalt des »Islamischen Staats« sind. Auch von jungen Frauen, die sich aus Verzweiflung das Leben nahmen, sei die Rede gewesen. Ein Mann habe darüber gesprochen, mit welchen Worten er seine Mutter habe zurücklassen müssen: »Hier hast du eine Flasche Wasser. Ich kann dir nicht mehr helfen. Es tut mir Leid.«

Als Bilder von Flucht und Vertreibung im Raum gezeigt wurden, seien viele Tränen geflossen, so Ortac. Am Ende aber habe ihn gefreut, dass sich die Teilnehmer lachend voneinander verabschiedet hätten. Die nächsten Termine seien schon in Planung, verrät Ortac. Es war ein erster Schritt auf dem Weg zur Verarbeitung von Traumata, der Mut macht.

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