Seit dem 03.08.2014 ist die Welt Zeuge eines Völkermords an den Eziden. Die IS-Terroristen konnten im Handstreich und ohne wirkliche Gegenwähr der kurdischen und irakischen Streitkräfte die Region Shingal (Sindjar) einnehmen. Mit ursprünglich 450 000 hier lebenden Eziden befindet sich in Shingal das Hauptsiedlungsgebiet der monotheistischen Religionsgemeinschaft, die mehr als 4000 Jahre alt ist und weltweit eine Million Angehörige zählt. Die in den letzten Wochen begangenen unfassbaren Gräueltaten der IS-Terroristen umfassen u.a.:

Tausende Tote und Schwerverletzte, Tausende Vergewaltigungen, Zwangsislamisierung und Versklavung, Massenerschießungen, zerstörte Dörfer und Heiligtümer, hundertausende Flüchtlinge ohne Versorgung und eine komplett traumatisierte Gesellschaft. Erst nach dem militärischen Einsatz der USA und ihren Verbündeten konnte die endlich herbeigesehnte Wende erfolgen. Seitdem sind Zehntausende befreit. Die Situation ist dennoch sehr dramatisch und ungewiss. Weiterhin besetzten die IS-Terroristen 90% des Hauptsiedlungsgebietes der Eziden. Die USA haben mehrfach betont, dass die Verdrängung der IS-Terrorristen noch lange dauern kann. Umso wichtiger ist es, dass die kurdischen und ezidischen Kämpfer mit Waffen ausgerüstet werden.

Unser dringender Appell und unsere Erwartungen als ezidische Institutionen, Vereine und Gemeinden in Deutschland zu Sofort- und Sicherheitsmaßnahmen durch die Europäische Union bzw. mit Unterstützung der Europäischen Union durch die Weltgemeinschaft sind folgende:

Humanitäre Hilfe vor Ort
Die Lage der Flüchtlinge ist katastrophal. Die Flüchtlinge brauchen dringend Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente, Kleidung und Unterbringungsmöglichkeiten. Wir danken der Staatengemeinschaften für bereits erbrachte Soforthilfemaßnahmen und bitten sie eindringlich, diese zu erhöhen und die Unterstützung der Weltgemeinschaft zu mobilisieren. Der Winter steht vor der Tür, Hundertausende Flüchtlinge leben ohne jeden Schutz auf den Straßen. Die Situation in den Flüchtlingskamps ist sehr dramatisch. Unsere Glaubensschwestern und -brüder berichten uns tagtäglich, dass die Hilfeleistungen bei ihnen nicht ankommen.

Errichtung einer Schutzzone
Die fast ungehinderten Verbrechen gegen die Menschlichkeit an den Minderheiten zeigen, dass im Irak der Minderheitenschutz für Eziden, Christen und andere ethnisch-religiöse Minderheiten noch längst nicht ausreichend ist. Durch die schnellstmögliche Errichtung einer Schutzzone im Irak gilt es zu verhindern, dass die Jahrtausend alte Religion der Eziden und die der Christen einem jähen gewaltsamen Ende zugeführt wird. Sollte die Terrororganisation IS ihren mörderischen Siegeszug fortsetzen, ist mit verheerenden Folgen für die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens zu rechnen. Die internationale Weltgemeinschaft trägt eine Schutzverantwortung für die Eziden, Christen und weitere ethnisch-religiöse Minderheiten, da diese passive Opfer des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten darstellen. Wenn ein Staat seine Minderheiten nicht mehr schützen kann, wie dies seit Jahren im Irak der Fall ist, dann haben diese einen Recht auf Minderheitenschutz gemäß der UNO Charta. Wir bitten die Europäische Union eindringlich darum, in dieser Sache auf die Weltgemeinschaft einzuwirken.

Waffenlieferung an Kurden
Die Bundesrepublik Deutschland und weitere Länder haben in den letzten Wochen der kurdischen Regionalregierung Waffen zum Kampf gegen die IS-Terroristen geliefert. Grundsätzlich begrüßen wir jede Anstrengung zur Stabilisierung der kurdischen Gebiete. Dies kann und soll durchaus auch Waffenlieferungen beinhalten. Allerdings hat die Erfahrung gezeigt, dass es um die Rechte und den Schutz der religiösen und ethnischen Minderheiten dort schlecht bestellt ist.

Ein Schutz durch die Autonome Region Kurdistan, den diese versprochen hatte als es die Bewaffnung der Eziden ablehnte, hat es nie wirklich gegeben. Dies wurde besonders durch die Attacken der IS deutlich. Statt die Eziden und die anderen bedrohten Minderheiten zu beschützen, zogen sich die Pesmerga Einheiten in sicheres Gelände zurück und haben so die schrecklichen Verbrechen in diesem Ausmaß erst ermöglicht.

Deshalb müssen Waffenlieferungen an die kurdische Regionalregierung mit Sicherheitsgarantien verbunden werden. Hierbei geht es nicht um Absichtserklärungen, sondern verbindliche Vereinbarungen:

  • Dies gilt jetzt für den Schutz aller Flüchtlinge, sowie aller Verbliebenen, sowie die Ge-währung von politischen Rechten für die Minderheiten Eziden, Christen, Kakai, Shabak, Mandäer, Turkmenen, etc.
  • Die Zusammenarbeit mit den im Shingal-Gebirge ausharrenden ezidischen
    Verteidigungseinheiten muss intensiviert und besser koordiniert werden.
  • Die ezidischen Verteidigungseinheiten müssen ebenfalls mit Waffen unterstützt werden. Im Shingal-Gebirge sind rund 10000 Eziden von den IS-Terroristen eingekesselt. Das Schlimmste ist zu befürchten; ein Massaker an der ezidischen Bevölkerung steht bevor, wenn die Weltgemeinschaft nicht energisch und geschlossen gegen die IS-Terroristen vorgeht.
  • Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und PKK haben Tausenden Eziden das Leben gerettet. Seit Beginn des Völkermords an den Eziden kämpfen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten für den Schutz der Eziden. Diese sind schlecht ausgerüstet und müssen ebenfalls mit Waffen unterstützt und ausgerüstet werden.
  • Wir appellieren an die Europäische Union politisch auf die türkische Regierung einzuwirken, damit der Demokratieprozess zwischen Kurden und der Türkei vorankommt und dass sich die Türkei im Kampf gegen die IS stärker als bisher engagiert.
  • Derzeitige Hilfsgüter-Lieferungen dürfen in keiner Weise behindert werden.

Aufnahme von Flüchtlingen und ezidischen Waisenkindern
Wir appellieren an die Europäische Union, den Schutzbedarf ezidischer Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien großzügig anzuerkennen. Insbesondere sollen ezidische Waisenkinder schnell und unbürokratisch die Möglichkeit bekommen, in Europa von ezidischen Familien adoptiert zu wer-den. Allein in Deutschland leben rund 100 000 Eziden. Tausende ezidische Familien möchten ezidische Kinder aufnehmen und adoptieren.

Wiederaufbau der Region
Wir appellieren an die Europäische Union gemeinsam mit der Irakischen Regierung und der Au-tonomen Region Kurdistan ein Wirtschaftswiederaufnahmeprogramm für die Region zu installie-ren, damit die Grundlagen für eine dauerhafte Stabilität und Demokratisierung der Region ge-schaffen werden. Die Menschen im Irak sind dringend auf Hilfe der Weltgemeinschaft angewiesen und brauchen eine Zukunftsperspektive.