Gelsenkirchen. Irfan Ortac unterrichtet zur Zeit als Vertretungslehrer am Weiterbildungskolleg Emscher-Lippe. Aber Ortac ist mehr als „nur“ Lehrer. Der promovierte Politologe ist einer der Bundessprecher der Jesiden. Er sagt, die Welt erlebe in Syrien und im Irak gerade einen Genozid, der vergleichbar mit Ruanda sei.

Ja, sagt Irfan Ortac, „es ist absolut schwer, das auszuhalten“. Diese Bilder des Genozids, Bilder von Flucht, dieses Wissen um tausende Waisenkinder, um entführte, vergewaltigte Frauen, um verkaufte Mädchen, ermordete Männer, zerstörte Familien ... Allesamt Opfer der menschenverachtenden IS-Terroristen, die im Namen Allahs grausam gegen Jesiden im Norden Syriens und im Iraks vorgehen.

Irfan Ortac ist äußerlich gefasst. Obwohl er von unzähligen, schlimme Details weiß. Der 40-Jährige ist einer der sechs Bundessprecher der Jesiden. Die lassen vor dem Hintergrund des IS-Krieges gegen ihre 600.000-köpfige kurdische Glaubensgemeinschaft nichts unversucht, die internationale Staatengemeinschaft um humanitäre Hilfe zu bitten.

Versammlung-Yezidische-Gemeinde-Emmerich

Die Betonung liegt auf humanitär. „Ich hätte mir gewünscht, dass keine einzige Pistole rüber geht.“ Eine gewaltfreie Schutzzone für religiöse Minderheiten ist es, was Ortac eigentlich möchte. Im Moment sei das Vertrauen der Jesiden und Christen in Syrien und im Irak zerstört. Was den Menschen auf der Flucht vor den brutalen IS-Kriegern bleibe: „Die Matratze ist die Erde, die Decke der Himmel.“

Irfan-Ortac-ist-einer-von-kheF-300x230-DERWESTENOrtac ist seit einem Jahr Vertretungslehrer am Weiterbildungskolleg Emscher-Lippe (WEL). Mehr oder weniger zufällig haben Schulleiter Günter Jahn und sein Kollegium erfahren, welch engagierten Kollegen sie in ihren Reihen haben. Der sonst im hessischen Staufenberg lebende Familienvater ist nicht nur Lehrer für Sozialwissenschaften und Türkisch. Irfan Ortac ist promovierter Politologe, Mitglied der SPD-Kreistagsfraktion im Unterbezirk Gießen und Vorsitzender der christlich-jesidischen Gesellschaft in Deutschland. Ein ausgewiesener Experte also, wenn es um die Einschätzung der Situation seiner Religionsgemeinschaft in Syrien und im Irak geht.

„Diese vermeintliche Legitimation der Abschlachtung ist kein Phänomen unserer Zeit, das gibt es seit Jahrhunderten“, sagt er. „Man hat immer wieder einen Grund gefunden, Jesiden abzuschlachten. Die IS-Terroristen holen sich ihre Legitimation aus ihrer Auslegung des Korans. Frauen sind Kriegsbeute.“ Jeden Tag erfährt er telefonisch und per Videobotschaften, wie es den Menschen geht, welche Gräueltaten die IS-Gefolgsleute verüben. Zum jesidischen Bundessprecher-Team – „Wir haben die Ebene geschaffen, um zu agieren“ – gehöre ein Psychologe. Manche der täglichen Telefonkonferenzen seien längst eine Art Therapierunde. Denn: „Wir müssen funktionieren.“

Situation vergleichbar mit dem Völkermord in Ruanda

Die Welt erlebe gerade einen Genozid, der vergleichbar sei mit dem Völkermord an den Armeniern (1915), mit Darfur und Ruanda. „Der islamische Terror-Staat ist eine hochprofessionelle Einheit, die Waffen auf höchstem Niveau besitzt und die Milliarden bewegt. Eine medial so perfekt organisierte Gruppe haben wir noch nie gesehen.“

Dass er mit dem WEL eine anerkannte Schule ohne Rassismus und mit Courage für den Vertretungsunterricht erwischt hat, ist eine glückliche Fügung. Auch für die Studierenden. Ortac betont, die Bekämpfung des IS-Terrors sei nicht islamfeindlich. Eigentlich erwartet er, dass sich Moslems zur aktuellen Lage äußern und sich von der Gewalt distanzieren. Immerhin: „Der Name ihres Propheten steht auf der Flagge von IS.“

Der Glaube gebietet Respekt vor allen Lebewesen

Weltweit gehören 800 000 Menschen der jesidischen Gemeinde an. 600.000 leben im Norden Syriens, im Nordirak und im Südosten der Türkei. „Alle Jesiden sind Kurden, aber nicht alle Kurden sind Jesiden“, erklärt Irfan Ortac. Jeside – eigentlich Ezide, betont er, das „J“ habe sich in der deutschen Schreibweise durchgesetzt – ist man von Geburt an, wenn beide Eltern ebenfalls Jesiden sind.

„Wir glauben, dass Gott gut und allmächtig ist“, sagt der 40-Jährige. Ein wichtiges Gebot seines Glaubens ist absolute Gewaltfreiheit und Respekt vor allen Lebewesen. Was Verfolgung, Ermordung und Gewalt durch den Islamischen Staat für die religiösen Menschen nur noch dramatischer macht – weil sie gezwungen werden, ums nackte Überleben zu kämpfen.

15 jesidische Familien leben in Gelsenkirchen

Ortac selbst kam 1987 als Sohn eines Gastarbeiters nach Deutschland. Dass er zur Zeit am WEL unterrichtet hat einen einfachen Grund: Zwei Türkischlehrerinnen sind in Elternzeit. 15 jesidische Familien leben nach Worten Ortacs in GE. Kennengelernt hat er sie noch nicht. In Essen und Duisburg wohnen bis zu 1500 Menschen jesidischen Glaubens, in Dortmund etwa 300. In Bochum, sagt er, „leben unglaublich viele“. An die 7000 Angehörige der religiösen Minderheit haben sich am Niederrhein im Raum Emmerich, Wesel, Kleve nieder gelassen.

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